"Nein" sagen - als Christin? – com-unio
     Das alles wird von ein und demselben Geist bewirkt, der jedem seine besondere Gabe zuteilt, wie er es beschlossen hat (Korinther 12,11)

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Online Treffen, jeweils
Sonntag um 19:00 Uhr:

24. Mai 2026
Feier der Königin der Apostel
Thema: Nein sagen - darf ich das?

7. Juni 2026
Stammtisch 

12. Juli 2026
Offener Themenabend


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Wie ist das, wenn man manchmal nein sagen möchte, es aber einfach nicht schafft. Wer oder was drängt uns, immer wieder ja zu sagen, trotz spürbarer Erschöpfung - und wenn wir schon vorher bereuen, dass wir immer verfügbar sind. Ignorieren wir dann unsere Grenzen, oder kennen wir diese vielleicht gar nicht? Für Christen sind diese Fragen noch mehrschichtiger: Darf ich meinem Nächsten etwas abschlagen, darf ich nein sagen, oder ist mit dem Gebot der Nächstenliebe schon jede dieser Fragen beantwortet? 

Aus unserer Mitte kam der Impuls, dieses heikle Thema bei einem unserer offenen Treffen zu behandeln. Die Wahl fiel auf Pfingsten und - als Unio - auf das Fest Regina Apostolorum - Königin der Apostel. Denn Geist und Beistand sind es, um die wir bitten dürfen, wenn wir zu diesem Thema mit uns ringen.

Neincartoon

Um es lebensnäher und anschaulicher zu gestalten, haben wir die Frage nach dem Nein in einem Dialog abgebildet, und ohne lange Vorrede begannen wir unser Pfingst-Treffen mit folgendem Gespräch:


E s t h e r
Guten Abend. Ich heiße Esther. Ich bin 58 Jahre alt. Und ich kann heute besser Nein sagen als noch vor zehn Jahren. Nicht gut. Aber besser.

S a r a h
Ich heiße Sarah. Ich bin 59. Und ich kann es nicht. Nicht wirklich. Ich versuche es manchmal. Und dann sage ich doch Ja.

E s t h e r
Wir kennen uns seit vielen Jahren. Wir verstehen uns gut — in fast allem. Nur in diesem einen Punkt konnten wir bisher nicht zueinander finden.

S a r a h
Und deshalb reden wir heute darüber. Vor euch. Über das Nein. Genauer: über das Nein, das uns nicht über die Lippen kommt.

E s t h e r
Und über die Frage, ob eine Christin überhaupt Nein sagen darf.

S a r a h
Ich habe darauf eine Antwort. Sie lautet: eigentlich nicht.

E s t h e r
Und ich habe eine andere. Sie lautet: doch. Gerade als Christin.

S a r a h
Ihr seht schon — wir werden uns streiten.

E s t h e r
(lächelt)  Ein bisschen. Aber unter Freundinnen.

Sarahs Lage

S a r a h
(zum Publikum)  Ich erzähle euch, wie es bei mir aussieht. Vielleicht erkennt ihr euch wieder.

Ich bin in der Pfarrei aktiv, seit ich denken kann. Lektorin. Krankenkommunion. Frauenkreis. Beerdigungskaffee. Wenn jemand fehlt, springe ich ein. Wenn niemand mehr kann, kann ich noch.

Bei der Arbeit ist es ähnlich. Die Kollegin braucht Hilfe — ich helfe. Der Chef fragt, ob ich noch übernehmen kann — ich übernehme. Meine Mutter ist 87, da bin ich am Wochenende. Meine Tochter hat zwei kleine Kinder, da springe ich ein. Mein Mann hatte einen Bandscheibenvorfall, da kümmere ich mich.

S a r a h
Und dann liege ich abends wach. Und bin wütend. Auf alle. Auf mich am meisten. Mein Körper meldet sich seit Monaten: Schulterschmerzen, Magenprobleme, kein Schlaf. Mein Mann sagt: „Du machst zu viel." Ich sage: „Was soll ich denn weglassen?"

E s t h e r
Und du sagst nicht Nein.

S a r a h
Ich kann nicht. Ich setze an. Ich öffne den Mund. Und es kommt: „Klar, mache ich."  Jedes Mal. Wie auf Knopfdruck.

E s t h e r
Warum?

S a r a h
Weil ich glaube, dass ich es soll. Nicht muss — soll. Im Tiefsten. Hör mir zu, Esther. (zum Publikum)  Hört mir bitte einen Moment zu.

Jesus sagt: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12). Er sagt nicht: liebt einander, wenn es passt. Er sagt: wie ich euch geliebt habe — und er ist ans Kreuz gegangen. Paulus schreibt: „Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand" (1 Kor 13,7). Alles. Nicht vieles. Nicht: was der Kalender noch hergibt. Und Jesus selbst — als sie kamen und ihn rufen wollten, sagt er: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter" (Mk 3,33–35). Er gibt sich allen hin.

Und ich soll dann sagen: „Heute nicht, ich bin müde"?

E s t h e r
Sarah —

S a r a h
Lass mich noch einen Moment. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter — der Samariter fragt nicht, ob es gerade passt. Er fragt nicht, ob er noch Kapazität hat. Er hilft. Der Priester und der Levit — die mit den vollen Terminkalendern, die mit den guten Gründen — die gehen vorbei. Und Jesus sagt: nicht so. (Lk 10,29–37)

Wenn ich Nein sage, bin ich wie der Levit. So einfach ist das für mich.

Esthers Geschichte

E s t h e r
(zum Publikum)  Ich kenne diese Stimme. Genau diese. Sie hat bei mir zwanzig Jahre lang regiert. Ich habe alles gemacht. Pfarrgemeinderat, Caritas-Vorstand, Firmkatechese. Bei der Arbeit die erste Ja-Sagerin. Zu Hause immer zur Stelle, wenn etwas anfiel. Ich war stolz darauf. Ich hielt es für meinen Glauben.

Bis ich mit 51 in der Notaufnahme lag. Verdacht auf Herzinfarkt. War keiner. War nur ein Erschöpfungszusammenbruch. Habe ich gerade schon wieder „nur" gesagt?
Mir ist heute klar: Mein Körper hat etwas gesagt, was meine Frömmigkeit nicht sagen wollte. Die Erschöpfung war kein Versagen meiner Hingabe — sie war eine Wahrheit, die sich endlich Bahn brach. Es ist eine gesundheitliche Grunderfahrung, die viele kennen: der Körper weiß früher als der Verstand, wann eine Grenze überschritten ist.

Und dann hat mir ein alter Pater in der Reha etwas gesagt, das mich nicht mehr losließ. Er sagte: 

„Esther, du verwechselst zwei Dinge. Hingabe und Selbstaufgabe. Das eine ist christlich. Das andere ist eine Krankheit, die sich als christlich verkleidet."

S a r a h
Das ist hart.

E s t h e r
Ja. Es war hart. Aber er hatte recht. Und er hat mir die Bibel anders gelesen, als ich sie kannte.

Er sagte: Jesus zieht sich zurück. Immer wieder. „Er selbst aber zog sich an einsame Orte zurück und betete" (Lk 5,16). Das steht da nicht als Schwäche. Das steht da als Muster.

Als die Menge ihn zum König machen will — er entzieht sich. „Da wich er wieder auf den Berg, er allein" (Joh 6,15).

Als die Pharisäer ein Zeichen fordern — er sagt nein. „Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden" (Mt 12,39). Klares Nein.

Im Sturm — er schläft. (Mk 4,38)  Die Jünger müssen ihn wecken. Wenn Jesus geschlafen hat im Sturm, darf ich auch mal müde sein.

S a r a h
Aber das sind Ausnahmen. Am Ende gibt er sich doch hin. Vollständig.

E s t h e r
Am Ende, ja. In seiner Stunde. Aber dazwischen hat er gegessen, geschlafen, sich zurückgezogen und Anfragen abgelehnt. Er war nicht rund um die Uhr verfügbar. Er war Mensch.

Und er zeigte mir noch etwas: Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief — und das hat mich wirklich erwischt — „Jeder gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Verdruss und nicht aus Zwang; denn eine fröhliche Geberin liebt Gott" (2 Kor 9,7).

Eine fröhliche Geberin. Nicht eine erschöpfte. Nicht eine, die nachts wach liegt und tobt. Nicht eine, die vor Wut weint, während sie das Beerdigungskaffeebuffet aufbaut.

S a r a h
(leise)  Das war vorletzte Woche.

E s t h e r
Ich weiß.

Das Streitgespräch

S a r a h
(zum Publikum)  Ich höre Esther. Und ich verstehe sie. Und trotzdem — wenn ich morgen früh das Telefon abnehme und das nächste Anliegen höre, sage ich Ja. Warum?
Weil andere Bibelstellen mir lauter im Ohr sind.
Phil 2: „Jeder suche nicht das Seine, sondern das, was dem anderen dient" (Phil 2,4). Wenn ich Nein sage, suche ich das Meine.
Markus 8: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mk 8,34). Selbstverleugnung. Nicht Selbstfürsorge.
Und Galater 6,2: „Einer trage des anderen Last." Da steht nichts davon, dass diese Last irgendwann zu schwer werden darf.

E s t h e r
Sarah, du zitierst Galater 6,2. Aber drei Verse später, im selben Brief, steht: „Jeder wird seine eigene Last tragen müssen" (Gal 6,5). Beide Sätze stehen nebeneinander. Paulus sieht die Spannung — und löst sie nicht in eine Richtung auf.

S a r a h
Das ist jetzt aber schon exegetische Haarspalterei.

E s t h e r
Oh nein! Es ist ehrliche Schriftlesung. Wenn die Bibel beides sagt, darf ich nicht so tun, als sage sie nur eins.

S a r a h
Aber das Beispiel Jesu —

E s t h e r
Das Beispiel Jesu lautet nicht: geh zugrunde an den Anforderungen anderer. Es lautet: gib dein Leben hin in Freiheit, zur rechten Zeit, aus dem richtigen Grund. Das ist etwas anderes. Er sagt selbst: „Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freien Stücken hin" (Joh 10,18).

Aus freien Stücken. Nicht weil die Menge es einfordert.

S a r a h
Aber wer entscheidet, wann die rechte Zeit ist? Ich habe Angst, ich sage Nein — und es ist genau die Stunde, in der Gott mich braucht.

E s t h e r
(Pause)  Sarah. Das ist es.

Das ist die Angst. Hörst du sie selbst?

S a r a h
(leise)  Ja.

E s t h e r
Es geht nicht um Theologie. Es geht um Angst. Theologie ist die Sprache, in der die Angst sich kleidet.

Manche Menschen — und ich war eine, und ich glaube, du bist eine — haben schon als Kinder gelernt: Wenn ich mich anpasse, bekomme ich Liebe. Wenn ich Nein sage, bin ich allein. Das ist keine Glaubenshaltung. Das ist eine Schutzstrategie, die zur Lebensgewohnheit geworden ist und sich später eine fromme Sprache sucht. Es fühlt sich wie Tugend an. In Wahrheit ist es alte Angst.

Die Wendung

S a r a h
(zum Publikum, mit Pause)  Sie hat recht. Und das ist unangenehm.

S a r a h
(zu Esther)  Ich glaube, ich habe Angst, dass Gott enttäuscht ist, wenn ich Nein sage. Dass er denkt: ach, die Sarah. Die hat es nicht ernst gemeint mit dem Glauben. Die hat ihre Bequemlichkeit lieber.

E s t h e r
(ruhig)  Und wenn Gott das nicht denkt?

S a r a h
Dann ist mein ganzes Leben anders, als ich glaubte.

E s t h e r
(Pause)  Ja. Vielleicht. Das ist der Punkt, an dem ich Dich heute Abend erst wirklich verstehe. Es fehlt kein Argument. Es ist ein Bild von Gott, das nicht stimmt.  Ein Gott, der nur die angestrengte Sarah liebt. Der die müde Sarah nicht mag.

Wenn man es von innen her betrachtet — nicht theologisch, sondern so, wie es im Erleben sitzt — dann ist das kein Glaubensproblem im engeren Sinn. Es ist ein inneres Beziehungsmuster, das du, Sarah, irgendwann gelernt hast, vielleicht ohne es zu merken. Und das du jetzt auf Gott überträgst. Der Gott, vor dem du Angst hast, ist nicht der Gott der Bibel. Er ist eine Gestalt aus deiner Geschichte.

S a r a h
(zum Publikum)  Ich weiß, dass das theologisch falsch ist. Ich kann es euch herleiten. Ich kann euch sagen, dass Gott die Liebe ist, dass die Gnade nicht verdient werden muss, dass Christus für uns gestorben ist, „als wir noch Sünder waren" (Röm 5,8).

Ich kann euch das alles sagen. Aber gefühlt habe ich es nicht. Im Bauch nicht.

E s t h e r
Und was sagt Jesus zu Marta, als die sich abrackert und Maria einfach dasitzt?

S a r a h
(seufzt)  „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt — das soll ihr nicht genommen werden" (Lk 10,41–42).

E s t h e r
Maria hat das Bessere gewählt. Nicht Marta.  Die, die nichts Nützliches tat. Die, die sich nicht abrackerte.

S a r a h
Ja.

E s t h e r
Sarah, wir sind eine Gemeinde voller Martas. Und wir tun so, als sei das das Evangelium.

Das Nein in der Bibel

E s t h e r
(zum Publikum)  Ich möchte euch ein paar Stellen zeigen, die mir geholfen haben. Stellen, die Sarah vorhin nicht zitiert hat — vielleicht aus gutem Grund.

Erstens: Elia. Der große Prophet liegt unter dem Wacholderbusch, will sterben, sagt: „Es ist genug, Herr; nimm mein Leben" (1 Kön 19,4). Was tut Gott? Schickt er einen neuen Auftrag? Eine Mahnung, sich zusammenzureißen? Nein. Gott schickt einen Engel, der ihr Brot bringt. Und sagt: „Steh auf und iss; denn der Weg ist zu weit für dich" (1 Kön 19,7).

Gott selbst räumt der Erschöpften das Recht zur Pause ein. Bevor Elia weitermachen kann, muss er essen und schlafen.

S a r a h
Aber Elia ist Prophet. Ich bin Sarah aus der Pfarrei.

E s t h e r
Wenn Gott schon dem Propheten Schlaf gönnt — warum nicht dir?

(Pause)

E s t h e r
Zweitens: Mose. Er versucht, alles allein zu tragen — bis sein Schwiegervater Jitro kommt und sagt: „Was du da tust, ist nicht gut. Du reibst dich auf, und das Volk auch. Diese Aufgabe ist zu schwer für dich — du kannst sie nicht allein bewältigen" (Ex 18,17–18). Und Mose hört. Er delegiert. Er sagt indirekt zu vielen Dingen Nein, indem er sie an andere abgibt.

Das ist auch eine andere Perspektive auf das gleiche Phänomen: Wer alles allein erledigen will, traut den anderen nicht zu, dass sie es ebenfalls können. Das hat mit Demut wenig zu tun — es ist eher Kontrolle. Und manchmal der heimliche Wunsch, unentbehrlich zu sein.

S a r a h
(murmelt)  Das ist jetzt unter der Gürtellinie.

E s t h e r
(lächelt)  Ich nehme es zurück. Halb.

E s t h e r
Drittens: Der Prediger. „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit" (Koh 3,1). Dann folgt die große Liste: eine Zeit zum Reden und eine Zeit zum Schweigen. Eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren. Auch — unausgesprochen — eine Zeit zum Helfen und eine Zeit, das Helfen zu lassen.

Viertens: Jesus selbst, nach einer langen Phase intensiver Arbeit: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!" (Mk 6,31)  Er gebietet seinen Jüngerinnen und Jüngern die Pause. Er gebietet sie.

S a r a h
Das habe ich nie so gehört.

E s t h e r
Und fünftens — das ist mir vielleicht das Wichtigste: „Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht" (Mt 11,30).
Wenn das, was ich für Christus tue, mich erdrückt — dann ist es nicht sein Joch.  Dann habe ich mir ein anderes aufgeladen. Vielleicht das Joch der Gemeinde. Vielleicht das Joch meiner Mutter. Vielleicht das Joch meines eigenen Selbstbildes. Aber nicht seins.

S a r a h
(leise)  Das ist ein steiler Satz.

E s t h e r
Ich weiß. Aber er steht da.

Das Nein als Notwendigkeit

S a r a h
(zum Publikum)  Ich muss zugeben — ich höre etwas. Etwas, das ich vorher nicht hören wollte.

E s t h e r
Darf ich fünf Gründe nennen, warum das Nein nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist?

S a r a h
Bitte.

E s t h e r
(zum Publikum)  Erstens: Weil ein Ja ohne die Möglichkeit eines Neins kein freies Ja ist. Jesus sagt: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein — was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen" (Mt 5,37). Wer immer Ja sagt, sagt im Grunde nichts. Sein Ja kostet nichts und ist deshalb nichts wert. Aus nicht-theologischer Sicht: Zustimmung, die nicht verweigert werden kann, ist keine Zustimmung. Es ist Funktion.

Zweitens: Weil blinder Gehorsam kein Gehorsam ist. Wenn man uns auffordert, etwas zu tun, was unserem Gewissen widerspricht, gilt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg 5,29). Das gilt auch für Pfarrer, Vorgesetzte, Familienmitglieder. Wer aus Angst vor Konflikt mitmacht, übernimmt Mitverantwortung — und merkt es oft erst später.

Drittens: Weil Selbstverachtung kein Christentum ist. Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Mt 22,39). Das „wie dich selbst" steht nicht zufällig da.

Wer sich selbst nicht liebt, kann den Nächsten nicht so lieben, wie Jesus es meint.  Das ist keine Wellness-Formel. Es ist eine gesundheitlich gut belegte Erfahrung: Wer sich selbst nicht mehr spürt, kann andere auch nicht mehr wirklich wahrnehmen. Burnout ist keine Heldengeschichte. Es ist eine Form von Stumpfheit, die niemandem mehr nützt.

Viertens: Weil ein System, das auf dem Selbstverschleiß einzelner aufgebaut ist, kein gesundes System ist. Wenn unsere Pfarrei nur funktioniert, weil Sarah sich aufzehrt — dann ist das nicht Sarahs Verdienst. Es ist ein Strukturproblem. Und das lösen wir nicht durch noch mehr Sarah, sondern durch eine andere Verteilung.

Fünftens: Weil Gott uns das Leben geschenkt hat, damit wir es entfalten. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Fülle. Nicht Erschöpfung.

S a r a h
(zum Publikum, nachdenklich)  Und noch etwas — das mir gerade erst aufgeht. Wenn ich immer Ja sage, nehme ich dem anderen manchmal etwas weg, ohne es zu merken.

Die Kollegin, der ich die Aufgabe abnehme, die sie selbst lösen könnte — die lernt es nicht. Der Nachbar, für den ich alles organisiere — der erfährt nie, dass er es selbst kann. Die Tochter, die ich ständig entlaste — die wächst vielleicht nicht in das hinein, wozu sie fähig wäre.

Ich habe das immer für Hilfe gehalten. Aber manchmal ist es das Gegenteil. Manchmal steckt in meinem Ja ein stilles Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten anderer.

E s t h e r
Das ist ein wichtiger Gedanke. Das Nein ist nicht nur Selbstschutz. Es kann dem anderen etwas eröffnen. Es traut ihr — oder ihm — etwas zu. Es sagt: 

„Ich glaube, dass du das kannst. Auch ohne mich."

Manchmal öffnen sich beim anderen Türen, die wir mit unserem Ja zugehalten haben — aus Fürsorge, aus Gewohnheit, aus dem stillen Bedürfnis, gebraucht zu werden. Das ist keine böse Absicht. Aber es lohnt sich, es zu sehen.

S a r a h
(leise, zu Esther)  Das wäre dann wirklich ein Nein aus Liebe.

E s t h e r
Ja. Manchmal genau das.

Die Einsicht

S a r a h
(Pause, zum Publikum)  Ich möchte etwas sagen. Es fällt mir schwer.
Mein Problem ist nicht, dass ich nicht wüsste, ob eine Christin Nein sagen darf. Ich weiß es jetzt. Ich glaube es sogar.
Mein Problem ist, dass ich nicht weiß, wer ich bin, wenn ich Nein sage.  Ich kenne mich nur als die Ja-Sagende. Wenn ich Nein sage — wer ist dann die, die das tut?

E s t h e r
(ruhig)  Eine Frau, die zum ersten Mal seit langer Zeit ehrlich ist.

S a r a h
(schluckt)  Vielleicht.

E s t h e r
Sarah, das Nein wird nicht leichter, wenn man die Bibelstellen kennt. Es wird leichter, wenn man Gott ein anderes Gesicht zugesteht. Ein Gesicht, das nicht nur die angestrengte Sarah liebt. Ein Gesicht, das die müde Sarah umarmt.

Und wenn man es von einer anderen Seite betrachtet: Es geht darum, dass sich das innere Bild von Liebe verändert — das, was wir als Kinder gelernt haben. Das passiert nicht durch ein Argument an einem Abend. Das passiert durch Erfahrung. Durch das Erleben, dass Beziehungen nicht zerbrechen, wenn man Nein sagt. Durch Menschen, die einen auch dann noch annehmen, wenn man nicht funktioniert. Und manchmal durch eine gute Begleitung — eine geistliche oder eine, die den ganzen Menschen im Blick hat.

S a r a h
Das klingt fast zu schön.

E s t h e r
„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken" (Mt 11,28). Nicht: kommt alle, ich gebe euch noch mehr Aufgaben. Sondern: ich will euch erquicken.

S a r a h
(zum Publikum)  Ich werde noch Zeit brauchen. Ich werde nicht morgen die neue Sarah sein, die fröhlich Nein sagt. Aber ich nehme heute etwas mit, was ich vorher nicht hatte: die Erlaubnis. Die innere Erlaubnis.

E s t h e r
(zum Publikum)  Und ich nehme etwas mit, was ich vorher zu schnell gesehen habe: dass das Nein nicht nur eine Technik ist, die man lernen kann. Dass dahinter manchmal ein Bild von Gott steht, das geheilt werden muss — und ein Bild von sich selbst. Das ist langsamere Arbeit. Liebevollere Arbeit.

Abschluss

S a r a h
(zum Publikum)  Wenn ihr heute Abend etwas mitnehmen sollt, dann vielleicht das:

Das Nein ist kein Verrat an der Liebe. Es ist manchmal ihre Bedingung.

E s t h e r
Und wenn ihr zu denen gehört, die nicht Nein sagen können — ihr seid nicht allein. Es geht vielen so. Besonders in den Gemeinden. Besonders Frauen unserer Generation. Besonders denen, die früh gelernt haben, dass Liebe mit Leistung verdient wird. Das ist nicht eure Schuld. Aber es ist eure Aufgabe. Niemand kann diese innere Arbeit für euch tun.

S a r a h
Es ist nicht leicht. Aber es ist möglich.

E s t h e r
Und es ist erlaubt. Mehr als erlaubt — es kann nötig sein.

S a r a h
Lasst mich mit einem Satz aus dem Buch Kohelet schließen. Der Prediger schreibt: „Alles hat seine Stunde" (Koh 3,1).

Auch das Nein hat seine Stunde.

E s t h e r
Vielleicht ist sie für manche von uns gerade jetzt.

S a r a h
(Pause, zum Publikum)  Vielen Dank.

E s t h e r
Danke, dass ihr zugehört habt.


Die anschließende Diskussion zeigte, dass das Thema wohl alle Anwesenden - auf die eine oder andere Weise - berührt. Was ist bei mir ähnlich, welchen Weg habe ich gefunden - und was gehört noch dazu. Zum Beispiel, wenn mich niemand fragt, die Situation selbst mich aber beschäftigt: Kann ich jetzt, wo ich gerade sehr eilig bin, einfach vorbeigehen, oder bleibe ich stehen, und helfe? Solche Überlegungen gaben dem Thema weitere Tiefe, und wir nahmen es mit in den Abend. 


Komm, Heiliger Geist,
du Atem Gottes in unserer Mitte.
Komm in unsere Unruhe
und schenke uns Frieden.
Komm in unsere Müdigkeit
und schenke uns neue Kraft.
Lehre uns, ehrlich zu sein —
im Ja und im Nein.

Komm in unsere Freude
und lass uns andere damit anstecken.
Komm in unsere Gemeinschaft
und verbinde uns immer mehr miteinander.
Öffne unser Herz für dein Wort.
Öffne unsere Augen für die Menschen neben uns.
Öffne unsere Hände für das Gute, das wir tun können.
Lehre uns, in deiner Liebe zu bleiben.
Lehre uns, dir zu vertrauen.
Du Geist von Pfingsten, erneuere deine Kirche.
Du Geist von Pfingsten, erneuere unseren Glauben.
Du Geist von Pfingsten, erneuere unsere Hoffnung
und unsere Liebe.

Komm, Heiliger Geist,
mit deinem Frieden, deiner Wahrheit
und deinem Licht.
Schenke unserer weltweiten Gemeinschaft der Unio
und uns als com-unio
den Geist der Einheit, der Treue und der Liebe,
damit wir gemeinsam deinen Weg gehen
und unsere apostolische Sendung glaubwürdig leben.


Im Anschluß an dieses Gebet erneuerten die anwesenden Unio-Mitglieder ihr apostolisches Versprechen.

Nein


Schluss-Segen

Der Herr segne uns und behüte uns.
Er begleite uns auf unseren Wegen
und schenke uns ein Herz, das in Freiheit liebt.
Der Heilige Geist stärke uns in unserer Sendung
und führe uns in die Wahrheit der Liebe.
So segne uns der treue und menschenfreundliche Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen

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