Es ist die Liebe, die nicht weiß, wohin mit sich: Alltag eines Heiligen – com-unio

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Pallotti meditiertGeht es nur mir so? Da bin ich fasziniert vom Leben eines besonderen Menschen, weil mich dessen Ideen oder Wirken unmittelbar treffen oder betreffen. Dann stelle ich mir gern vor, wie dieser jemand wohl gelebt hat. Wie sie oder er einen ganz normalen, typischen Tag verbrachte, - also nicht aufregender als andere. Und dann lese ich manchmal über diese Menschen und trage zusammen, was man weiß, und was man vermuten darf. 

Auf diese Weise versuche ich zu erschließen, was diese Menschen ausgemacht hat. Warum sie in den Augen ihrer Mitwelt besonders waren und weshalb manche es ihnen sogar nachtun möchten. Vielleicht versuche ich auf diesem Weg auch herauszufinden, ob es mir ähnlich geht und ob ich mich ebenfalls gern anstecken lasse. Wobei - wenn ich solche Recherche betreibe, bin ich wohl bereits angesteckt, und im Falle eines Vinzenz Pallotti ist das eher ein Ausrufe- als ein Fragezeichen.

Sicher trugen seine Bescheidenheit und die Meidung jeder Selbstportraitierung dazu bei, dass wir heute zwar ein reiches Erbe an theologischen und sachbezogenen Schriften haben, den Menschen dahinter aber nur schwer fassen können: Seine völlige Selbstaufgabe war kein gefälliger Gestus, sondern gelebtes Programm. Der bald nach seinem Tod einsetzende Prozess der Seligsprechung dürfte schließlich ebenso für eine zweckbezogene Filterung etwaiger "persönlicher" bzw. geeigneter Dokumente gesorgt haben wie die damals übliche Zeugniskultur: Privates gehörte, noch dazu bei einem Kleriker, oft nicht zu den aufbewahrungswürdigen Aspekten seines Lebens.

Darum hier der Versuch, einen fiktiven Tag im Leben Pallottis nachzubilden. So, wie man ihn sich vorstellen könnte ...

Rom, im Januar 1846
Vor Sonnenaufgang

Die Glocke von San Salvatore in Onda hatte noch nicht geschlagen, da war er schon wach. Es war diese Stunde, in der die Stadt unter dem Schiefer ihrer Dächer atmete wie ein schlafendes Tier, und der Tiber, den er vom Fenster seiner Zelle aus nicht sehen, aber riechen konnte, schob seinen kalten Atem die Gassen hinauf bis zur Pfarrei. Pallotti saß auf dem Bettrand, die Füße auf dem steinkalten Boden, und horchte. In der Ferne, vom Aventin her, klagte ein Hund. Näher, im Hof unten, hüstelte einer der Köhler, der in den Trümmern der alten Mauer sein Quartier hatte.

Er bekreuzigte sich und sprach halblaut, fast ohne Lippenbewegung, die Worte, die er sich vor vielen Jahren als ersten Gedanken des Tages auferlegt hatte: Distruggimi, Signore, e fa' di me ciò che vuoi. – Vernichte mich, Herr, und mach aus mir, was Du willst. Die Formel war ihm so vertraut wie das eigene Atmen, und doch blieb in ihr ein Stachel, der ihn nicht ruhen ließ. Es war kein Wunsch nach Selbstvernichtung – das hatten ihm einige seiner Kritiker unterstellt –, sondern der Versuch, jeden Morgen die hartnäckige Fiktion eines verfügenden Ich abzulegen. Se Tu non operi, io nulla posso. Se Tu operi in me, tutto posso. – Wenn Du nicht wirkst, vermag ich nichts. Wenn Du in mir wirkst, vermag ich alles.

Er erhob sich und tastete nach der Soutane, die über dem Stuhl hing. Die Wolle war klamm. In den Spiegel sah er nicht; er hatte sich angewöhnt, ihm auszuweichen, nicht aus Furcht vor Eitelkeit, sondern weil er fand, sein Gesicht erzähle dem, der es zu lesen verstehe, ohnehin zu viel.

Im Oratorium war es noch dunkler als in der Zelle. Eine einzige Öllampe brannte vor dem Tabernakel; ihr Licht zitterte über die vergoldete Tür und warf den Schatten des Holzkruzifixes schräg gegen die Wand. Er kniete sich auf den blanken Stein, ohne Kissen. Eine halbe Stunde, vielleicht länger, verharrte er so – nicht in formuliertem Gebet, sondern in dem, was er das Gestelltsein vor dem Angesicht nannte: kein Reden, kein Bitten, nur das Hineinhalten der eigenen Armut in eine Gegenwart, die ihn anschaute, lange bevor er sie anschauen konnte.

Erst als die Wachsschicht der Lampe knisterte, fasste er die Bitte in Worte.

Padre infinitamente buono, sagte er ohne Stimme, Du hast mich gerufen, Deine Werke fortzusetzen. Ich weiß nicht, wie. Ich weiß nicht einmal, ob ich heute klar sehen werde, wer mich braucht und was zu sagen ist. Lass mich nichts wollen, was Du nicht willst. Lass mich nichts versäumen, was Du heute durch mich tun möchtest.

Er fügte hinzu, leiser: Und nimm meiner Sorge die Schärfe.

Die erste Messe, die fünfte Stunde

Um Viertel nach fünf, als die ersten Frauen mit ihren Körben über den Vorplatz huschten – die Fischhändlerinnen, die zum Markt am Campo de' Fiori wollten, und die Witwen, die vor der Arbeit noch eine Messe hörten –, läutete er selbst die kleine Glocke. Es war nicht seine Pflicht, aber er tat es gerne. In ihrem dünnen, kalten Klang lag etwas, das ihm die Gegenwart der Apostel nahebrachte, als hätten sie auch so begonnen, in irgendeinem syrischen Hinterhof, mit einer Glocke aus geschmiedetem Blech, vor wenigen Frauen, die ihre Männer schon verloren hatten.

In der Sakristei half ihm Don Raffaele, ein Mitbruder, in die Kasel.

»Don Vincenzo«, sagte Raffaele halblaut, »ich muss Euch etwas sagen, bevor Ihr hineingeht. Der Bäcker Tognelli – Ihr wisst, der von der Via dei Pettinari – hat heute Nacht seine Frau verloren. Er sitzt seit vier Stunden in der ersten Bank und hat kein Wort gesagt.«

Pallotti, der gerade die Schnüre der Albe band, hielt inne. Er sah Raffaele an. Seine Augen waren nicht groß, aber wenn er jemanden so ansah, hatten viele später gesagt, sei es gewesen, als habe man sich plötzlich ohne Kleidung gefühlt – nicht entblößt, sondern erkannt.

»Hat er Kinder?«

»Vier. Das jüngste ist drei.«

»Ist sie gut gestorben?«

»Im Schlaf, sagt der Nachbar. Sie hatte schon lange Husten.«

Pallotti nickte, sagte nichts, sondern ging zum Altar. Er zelebrierte, wie er immer zelebrierte – ohne theatralische Ausschmückung, ohne die Manieriertheiten, die in manchen römischen Kirchen damals üblich waren, aber mit einer Konzentration, die den Raum verdichtete. Beim Memento der Verstorbenen hielt er einen Augenblick länger inne als sonst. Bei der Erhebung der Hostie schloss er die Augen, was er sonst nicht tat.

Nach der Messe ging er nicht in die Sakristei zurück, sondern direkt in die erste Bank. Er setzte sich neben den Bäcker. Eine Weile sagte keiner der beiden etwas. Tognelli hatte rote, trockene Augen; er starrte auf den leeren Altarraum.

»Sie war heute Nacht nicht allein«, sagte Pallotti schließlich.

Tognelli zuckte zusammen, als habe ihn jemand geweckt. »Herr Pfarrer?«

»Ich sage: Sie war nicht allein. Du musst dir nicht vorwerfen, dass du geschlafen hast. Christus stirbt mit den Seinen. Auch die, die im Schlaf sterben, fallen nicht aus seinen Händen.«

»Aber ich –«

»Was du jetzt fühlst«, sagte Pallotti und legte ihm die Hand auf den Unterarm – behutsam, mit der vorsichtigen Gewohnheit eines Menschen, der weiß, dass Trauernde Berührung manchmal als Zumutung empfinden –, »ist nicht Schuld. Du wirst es vielleicht in den nächsten Wochen für Schuld halten. Glaube ihm nicht. Es ist die Liebe, die nicht weiß, wohin mit sich.«

Tognelli weinte leise. Pallotti blieb sitzen. Er sagte eine Weile nichts mehr. Dann: »Wer ist heute bei den Kindern?«

»Meine Schwägerin.«

»Gut. Wenn du es willst, schicke ich heute Nachmittag jemanden vorbei. Wir haben Frauen in der Vereinigung, die solche Tage kennen. Sie kommen nicht, um zu reden. Sie kommen, um da zu sein.«

»Don Vincenzo, ich kann nicht bezahlen, ich –«

»Bezahlen?« Pallotti lachte leise, ein kurzes, beinahe verlegenes Lachen. »Mein Sohn. Wenn die Kirche für die Liebe zahlen ließe, wäre sie keine Kirche mehr.«

Zwischen den Stunden

Auf dem Weg zurück durchs Seitenschiff murmelte er, mehr zu sich selbst als zu jemandem sonst: Caritas Christi urget nos. Die Liebe Christi drängt uns. Er hatte den Vers seit jeher als Kompass benutzt. Aber was hieß das heute, an diesem nassen Januarmorgen, in dieser Stadt mit ihren tausend Notlagen, in dieser Kirche, die so viel von sich selbst sprach und so wenig von dem, was die Menschen wirklich aßen, atmeten, fürchteten?

Er blieb am Pfeiler stehen, der die Kanzel trug. Drüben, am Eingang, schob ein Bettler den Vorhang beiseite. Pallotti kannte ihn vom Sehen; er nannte sich Beppe, war aus Frosinone, hatte einen krummen Rücken vom Tragen.

Padre, dachte Pallotti, Du hast nicht gesagt: gründe Vereine. Du hast gesagt: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber Vereine sind nur die Form, in der sich die Liebe heute organisieren muss. Die Welt ist groß geworden. Der einzelne Pfarrer kann sie nicht mehr umarmen. Ich kann sie nicht umarmen. Aber wenn alle Getauften – alle, jeder einzelne, omnes et singuli – verstünden, dass sie selbst Apostel sind, kraft ihrer Taufe, nicht weil ich es ihnen erlaube, sondern weil Christus sie gesendet hat...

Er fing sich. Solche Gedanken waren ihm vertraut, und er traute ihnen. Aber er hatte gelernt, dass sie ihn manchmal vom Konkreten abzogen. Beppe stand jetzt nahe genug, dass Pallotti die Lumpenbinden um seine Füße sehen konnte.

»Beppe.«

»Don Vincenzo.«

»Hast du heute schon gegessen?«

»Ein Stück Brot, gestern.«

»Komm in die Sakristei. Don Raffaele wird dir Suppe geben. Und sag ihm, ich habe es so gesagt, sonst gibt er dir nur eine Schale. Du brauchst zwei.«

Der Vormittag, Studierzimmer und Gefängnis

Sein Studierzimmer war eng, drei Schritte lang, zwei breit. Auf dem Tisch lagen ein Stapel Briefe, ein angefangenes Manuskript zur Konstitution der Unio und eine Federzeichnung der Cenacolo-Szene, die ihm jemand geschickt hatte. Er setzte sich, schnitt eine Feder, las.

Der erste Brief war von einem Erzpriester aus Marseille. Der Mann fragte – höflich, aber unverkennbar misstrauisch –, was eigentlich der theologische Status der Pia Società dell'Apostolato Cattolico sei. Sei das ein Orden? Eine Bruderschaft? Ein frommer Verein? Und wie sei es zu rechtfertigen, dass darin Laien, Frauen, sogar – er schrieb es mit einem nahezu hörbaren Räuspern – gli ebrei convertiti, Konvertiten aus dem Judentum, mitwirkten?

Pallotti lehnte sich zurück. Er kannte diese Frage. Sie kam in verschiedenen Formulierungen aus halb Europa zu ihm, und er hatte sie immer mit derselben Geduld beantwortet. Aber heute, mit dem Bild Tognellis im Hinterkopf und Beppe in der Sakristei, fragte er sich, ob seine bisherige Antwort vielleicht zu vorsichtig gewesen war.

Er nahm die Feder und schrieb.

Verehrter Mitbruder, begann er, Ihre Frage ist berechtigt, und ich danke Ihnen für die Aufrichtigkeit, mit der Sie sie stellen. Erlauben Sie mir, sie einmal von ihrer Wurzel her zu beantworten.

Die Pia Società ist kein Orden im engeren Sinn. Sie ist nicht einmal eine Bruderschaft im üblichen Verständnis. Sie ist – und ich bitte Sie, dies nicht als Anmaßung zu lesen, sondern als ekklesiologische Aussage – der Versuch, sichtbar zu machen, was die Kirche immer schon ist: die Versammlung aller Getauften zur Sendung Christi. Wenn wir Laien aufnehmen, dann nicht, weil uns die Priester nicht genügen, sondern weil die Kirche ohne die Laien nur die Hälfte ihrer selbst wäre. Wenn wir Frauen aufnehmen, dann nicht aus moderner Sentimentalität, sondern weil die ersten Zeuginnen der Auferstehung Frauen waren und weil eine Kirche, die das vergisst, ihre eigene Geburtsstunde vergessen hat. Wenn wir Konvertiten aus dem Judentum aufnehmen, dann nicht trotz, sondern wegen ihrer Herkunft: denn sie tragen in sich die Erinnerung an den Bund, aus dem wir alle leben.

Er hielt inne. Bin ich zu schroff?, dachte er. Wird der Erzpriester das lesen können? Dann fuhr er fort:

Sie werden einwenden, das sei eine ungewöhnliche Sicht. Ich antworte: Sie ist nur deshalb ungewöhnlich geworden, weil wir uns angewöhnt haben, die Kirche von oben her zu denken statt von ihrer Mitte her. Die Mitte ist Christus. Von ihm her ist jeder Getaufte gleich nahe und gleich gesendet. Das verändert nichts an der Ordnung der Ämter; es verändert alles am Verständnis dieser Ämter.

Er unterschrieb mit der gewohnten Formel, Vostro umilissimo servo in Cristo, und legte den Brief zur Seite.

Es war zehn. Er stand auf, nahm seinen Mantel und ging.

Das Gefängnis Carceri Nuove lag nicht weit, knapp eine Viertelstunde durch enge Gassen. Pallotti ging schnell, mit gesenktem Kopf, nicht aus Demut, sondern weil er nachdachte. Auf der Via Giulia begegnete ihm ein Reiter mit purpurner Schabracke – wahrscheinlich der Sekretär eines Kardinals –, und Pallotti trat höflich zur Seite, ohne aufzublicken. Er hatte mit den Großen so wenig zu tun, wie es eben ging, und sie mit ihm so wenig, wie es ging. Es passte beiden.

Im Gefängnis erwartete ihn der Aufseher, ein dicker, müder Mann namens Falcone.

»Don Vincenzo. Heute ist nicht viel los. Aber im dritten Trakt ist der junge Mörder, von dem ich Euch erzählt habe. Er soll am Freitag hängen.«

»Wie heißt er?«

»Salvatore Conti. Neunzehn Jahre.«

»Was hat er getan?«

»Einen anderen Burschen erstochen, in einer Wirtschaft in Trastevere. Streit um ein Mädchen, sagen sie. Er bestreitet nicht, dass er es war.«

Pallotti nickte. »Kann ich allein zu ihm?«

»Wie immer.«

Die Zelle war winzig, ohne Fenster. Conti saß auf der Pritsche, den Kopf in den Händen. Als Pallotti eintrat, hob er ihn nicht.

»Pater, ich brauche keinen Beichtvater. Ich werde nicht zu Gott zurückkriechen, weil ich Angst vor dem Strick habe.«

Pallotti setzte sich, nicht auf den einzigen Stuhl, sondern auf den Boden, mit dem Rücken an die Wand. Die Soutane saugte sich sofort mit der Feuchtigkeit voll. Er sagte nichts.

Nach einer langen Weile hob Conti den Kopf.

»Was tut Ihr?«

»Ich sitze.«

»Auf dem Boden?«

»Es gibt nur einen Stuhl. Du sitzt auf der Pritsche. Ich finde, das passt.«

Conti starrte ihn an. »Ihr seid komisch.«

»Vielleicht. Wie geht es dir?«

»Wie es einem geht, der am Freitag tot ist.«

»Hast du Angst?«

»Ja.«

»Wovor?«

Conti schwieg. Dann, leise: »Dass danach nichts ist. Oder dass danach das ist, was sie immer sagen.«

»Was sagen sie?«

»Hölle. Verdammnis. Dass er« – er deutete vage nach oben – »mich nicht will.«

Pallotti nickte langsam. »Salvatore. Ich werde dir nicht widersprechen, wenn du sagst, dass du Schuld hast. Du hast Schuld. Ein Mensch ist tot. Eine Mutter weint. Aber ich sage dir etwas, was du vielleicht nicht hören willst: Der Gott, vor dem du Angst hast, ist nicht der Gott, der ist. Den, vor dem du Angst hast, hat dir irgendwer eingeredet. Vielleicht ein Priester, der selber Angst hatte.«

»Und welcher Gott ist dann?«

»Einer«, sagte Pallotti, und seine Stimme war ganz ruhig, »der dich genauer kennt, als du dich selber kennst, und der trotzdem nicht aufhört, dich zu lieben. Einer, dessen Barmherzigkeit unendlich ist. Misericordia infinita. Das ist kein frommes Wort, das ist die einzige Wahrheit, die ich in meinem ganzen Leben als Priester gelernt habe. Alles andere kann sein oder nicht sein. Das nicht.«

»Auch für jemanden wie mich?«

»Gerade für jemanden wie dich. Nicht weil das, was du getan hast, nichts wäre. Sondern weil seine Liebe nicht von dem abhängt, was wir tun. Sie hängt davon ab, wer er ist.«

Conti weinte. Pallotti rührte sich nicht, sagte nichts. Erst nach langer Zeit:

»Salvatore. Ich will dich nicht zur Beichte überreden. Aber wenn du am Freitag stirbst, möchte ich, dass du eines weißt: Du wirst nicht in die Leere fallen. Du wirst in eine Umarmung fallen. Auch wenn du dich davor noch sträuben solltest. Du wirst dich nicht lange sträuben können. Es ist zu warm dort, wo du hinfällst.«

Conti sah ihn an. »Kommt Ihr am Freitag?«

»Wenn du willst.«

»Ich will.«

Pallotti stand auf. Die Knie schmerzten. »Ich komme am Donnerstag noch einmal. Wir reden dann weiter. Du musst nichts entscheiden.«

Auf dem Rückweg, draußen in der schmalen Gasse, blieb er stehen und lehnte sich kurz gegen eine Hauswand. Er war müde. Er war oft müde nach diesen Gesprächen, müder als nach langen Predigten. Padre, dachte er, war das richtig? Habe ich ihm zu viel versprochen? Habe ich gesagt, was Du sagen würdest? Und dann, fast ärgerlich mit sich selbst: Schluss damit. Du hast kein Recht zu zweifeln, wenn du im Namen Seiner Barmherzigkeit gesprochen hast. Zweifle an dir selbst, soviel du willst. An ihr nicht.

Der Mittag, die Procura

In der Procura, dem Versammlungsraum der Unio in der Via di Monte Brianzo, war es voll. Es gab keinen Tag in der Woche, an dem hier niemand war. Heute waren es etwa fünfzehn Menschen: drei Priester, sieben Frauen, fünf Männer ohne Weihen, darunter ein junger jüdischer Konvertit namens Ciaccino, der sich um die Buchhaltung kümmerte. Es roch nach feuchten Mänteln und nach dem Fenchelpfefferkuchen, den jemand mitgebracht hatte.

Elisabetta Sanna saß am Tisch, eine Liste vor sich. Sie war aus Sardinien, verwitwet, eine Frau Anfang fünfzig, mit dem ruhigen Gesicht einer, die viel überstanden und wenig vergessen hatte.

»Don Vincenzo«, sagte sie, als er eintrat, »wir warten mit der Liste der Hilfen für diese Woche.«

»Verzeihung. Ich war länger im Gefängnis als gedacht.«

»Wie geht es Conti?«

Er sah sie überrascht an. »Du weißt von ihm?«

»Don Raffaele hat es erzählt. Ich habe schon mit zwei Frauen gesprochen, ob jemand seine Mutter aufsuchen kann. Sie wohnt in Trastevere und hat seit der Tat das Haus nicht verlassen.«

Pallotti setzte sich neben sie, schwieg einen Moment. »Elisabetta«, sagte er dann, »manchmal denke ich, du bist mir voraus.«

»Don Vincenzo, das wäre nicht schwer.«

Ein paar lachten leise. Pallotti auch.

»Gut. Dann fangen wir an. Was haben wir heute?«

Sie ging die Liste durch. Eine Witwe in der Via dei Pellegrini, deren Mann an Fieber gestorben war, brauchte Holz für den Winter. Der Schuhmacher Panfili war wieder bettlägerig; die Frau brauchte Hilfe mit den Kindern. In der Suburra waren zwei Mädchen aus Kalabrien aufgetaucht, vermutlich Prostituierte, die nicht mehr wollten – konnte jemand mit ihnen sprechen? Die Schule für die armen Mädchen brauchte zwei neue Lehrerinnen; Donna Paola hatte vorgeschlagen, dass die Witwe Bertinelli es versuche, die früher selbst Lehrerin gewesen sei.

Pallotti hörte zu, nickte, fragte zurück. Bei den zwei Mädchen aus Kalabrien hielt er inne.

»Wer geht zu ihnen?«

Eine junge Frau, Caterina, hob die Hand. »Ich, Don Vincenzo. Mit Marta.«

»Caterina, hör zu. Diese Mädchen sind misstrauisch, mit Recht. Wenn ihr zu ihnen geht, geht nicht als Bekehrerinnen. Geht als Frauen. Fragt sie, wovor sie Angst haben. Fragt sie nicht nach ihrer Sünde. Ihre Sünde ist nicht euer Geschäft. Ihr Glück ist es. Und wenn sie nicht reden wollen, dann redet ihr nicht. Ihr setzt euch hin und bringt etwas zu essen. Manchmal ist Brot eine Predigt, gegen die kein Wort ankommt.«

Caterina nickte.

Don Cesare, einer der Priester, ein etwas älterer Mann, räusperte sich. »Don Vincenzo, eine Frage. Diese zwei Mädchen – wenn sie wirklich bei dem geblieben sind, was sie getan haben, ohne Reue, ohne Beichte... ist es da nicht problematisch, sie als Erstes mit Brot statt mit dem Sakrament der Buße zu konfrontieren?«

Pallotti antwortete nicht sofort. Er sah Don Cesare an, lange, ohne Schärfe.

»Cesare«, sagte er dann, »wenn ich ein Kind in einem brennenden Haus sehe, frage ich es nicht zuerst, ob es sein Morgengebet gesprochen hat. Ich trage es hinaus. Die Beichte kommt später, wenn es sie braucht. Und es braucht sie eher, wenn ich es zuerst aus dem Feuer gezogen habe, als wenn ich es im Feuer mit Theologie versorgt habe.«

Er fügte hinzu, sanfter: »Im Übrigen, Cesare, glaube ich nicht an unsere bisherigen Vorstellungen von Reue. Die Reue der Verzweifelten ist nicht selten echter als die der Wohlanständigen. Aber sie braucht einen Raum, in dem sie sich zeigen darf. Diesen Raum bauen wir, wenn wir zuerst Brot bringen.«

Cesare schwieg, nicht überzeugt, aber ohne weiteren Einwand.

Sanna, die das ganze Gespräch beobachtet hatte, sagte: »Don Vincenzo, eine andere Sache. Donna Margherita hat angefragt, ob wir bei ihrer Tochter die Erstkommunionvorbereitung übernehmen können. Sie meint, in ihrer Pfarrei sei der Pfarrer zu streng, das Mädchen habe Angst.«

Pallotti runzelte die Stirn.

»Elisabetta, da müssen wir vorsichtig sein. Der Pfarrer ist der Pfarrer. Wir können uns nicht über sein Recht hinwegsetzen.«

»Aber das Mädchen –«

»Ich weiß. Hör zu: Schicke mir Donna Margherita morgen. Ich werde sie sprechen. Vielleicht kann ich mit dem Pfarrer reden. Aber wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir machten uns die Kirche, wie sie uns gefällt. Die Kirche ist nicht die unsere. Wir sind die ihre.«

Es war keine Zurechtweisung; es war eine Klärung. Sanna nickte. Sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass dieser Punkt für ihn nicht verhandelbar war: Die Kirche der Konkretion, mit ihren oft mittelmäßigen Pfarrern und ihrem oft stumpfen Klerus, blieb für ihn der Leib Christi. Reform hieß für ihn nie, sich aus diesem Leib hinauszusehnen.

Nach der Sitzung, als die anderen schon hinausgegangen waren, blieb Sanna noch.

»Don Vincenzo, kann ich Euch etwas fragen?«

»Immer.«

»Ihr seht müde aus. Esst Ihr genug?«

Er lachte, beinahe verlegen. »Elisabetta, du klingst wie meine Mutter, Gott habe sie selig.«

»Eure Mutter hatte recht.«

»Ich esse, was nötig ist.«

»Das ist nicht das, was nötig wäre.«

Er sah sie an. »Mach dir keine Sorgen. Aber wenn du willst, schick mir morgen eine Suppe. Eine deiner sardischen. Mit Fenchel.«

»Das werde ich.«

Nachmittag, Cholera-Viertel

Die Cholera war seit drei Wochen wieder in einigen Vierteln am rechten Tiberufer aufgetreten – nicht in der vollen Wucht früherer Jahre, aber genug, dass die Menschen schwiegen und sich bekreuzigten, wenn ein Karren vorbeifuhr. Pallotti hatte sich entschlossen, am Nachmittag in die Suburra hinaufzugehen, ins Quartier hinter der Madonna dei Monti. Don Raffaele wollte ihn begleiten.

»Don Vincenzo, ist es klug? Ihr hattet im Herbst schon das Fieber.«

»Klug, Raffaele, ist eine Eigenschaft, die mir bisher nicht angedichtet wurde.«

Sie gingen schweigend den Hügel hinauf. Die Häuser hier waren niedrig, oft nur ein oder zwei Räume, geteilt durch Tücher. Der Geruch war scharf: ungewaschene Körper, Räucherwerk gegen die Krankheit, die Latrinen am Ende der Gasse. Hin und wieder ein Husten, ein gepresstes Stöhnen.

Im Haus der Familie Bartoli – Pallotti kannte sie seit Jahren, der Vater war Träger am Markt – lag die zweitälteste Tochter, Lucia, vierzehn Jahre alt. Sie hatte seit gestern Krämpfe. Die Mutter hockte daneben und schaukelte stumm.

Pallotti kniete sich an die Strohmatte. Er nahm die Hand des Mädchens. Sie war eiskalt.

»Lucia. Hörst du mich?«

Ein schwaches Nicken.

»Ich bin Don Vincenzo. Erinnerst du dich? Du warst bei der Erstkommunion vor vier Jahren, im weißen Kleid mit dem blauen Band.«

Sie versuchte zu lächeln. Es gelang ihr nicht ganz.

»Lucia, ich werde dir gleich die Krankensalbung geben. Und ich werde mit dir beten. Aber zuerst – hörst du? – zuerst sage ich dir, dass du sehr geliebt bist. Von deiner Mutter. Von deinem Vater. Und von einem, dessen Liebe du noch nicht ganz fassen kannst, der dich aber jetzt schon umfängt. Hab keine Angst.«

Er salbte sie. Das Öl glänzte einen Moment lang auf ihrer Stirn, dann wurde es vom Schweiß aufgesogen. Er sprach die Gebete leise, fast wie ein Lied. Die Mutter weinte tonlos.

Als er fertig war, blieb er noch. Lucia schlief ein, oder wurde bewusstlos – es war schwer zu sagen. Pallotti ließ ihre Hand erst los, als er sicher war, dass sie ruhig atmete.

Draußen, vor der Tür, sagte er zum Vater: »Bartoli. Ich werde Donna Caterina schicken. Sie wird heute Nacht hierbleiben, damit Eure Frau schlafen kann.«

»Don Vincenzo, wir können nicht –«

»Bartoli. Hör jetzt. Wenn deine Frau heute Nacht zusammenbricht, hilft das niemandem. Nicht Lucia. Nicht den anderen Kindern. Nicht dir. Lass uns helfen. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen. Es ist eine Schande, sie zu verweigern, wenn man sie braucht.«

Auf dem Rückweg, in der Dämmerung, sagte Raffaele leise:

»Don Vincenzo. Manchmal denke ich, Ihr nehmt Euch zu viel auf. Ein Einzelner kann nicht alles tragen.«

Pallotti blieb stehen. Sie standen am Aufgang der Vier Brunnen, die Stadt lag unter ihnen, und das letzte Licht lief über die Kuppel von Sant'Andrea hinweg.

»Raffaele«, sagte er, »du hast recht. Und du hast unrecht. Recht hast du, dass ich es nicht trage. Unrecht hast du, dass ich es überhaupt tragen soll. Christus trägt es. Ich gehe nur dorthin, wohin Er mich heute schickt. Wenn ich zusammenbreche, werde ich an einem konkreten Ort zusammenbrechen, bei einem konkreten Menschen. Das ist tausendmal besser, als sicher zu Hause zu sterben.«

»Ihr werdet heute nicht zusammenbrechen.«

»Heute nicht. Morgen vielleicht. Aber das ist nicht meine Sorge. Meine Sorge ist, ob ich heute getan habe, was zu tun war.«

Abend, das Schreiben

Es war fast acht, als er an seinen Tisch zurückkehrte. Er hatte gegessen – eine Schale Bohnen mit Brot –, eilig und ohne große Aufmerksamkeit. Don Raffaele hatte ihm gesagt, er solle früh schlafen. Er hatte genickt und sich gleich an den Schreibtisch gesetzt.

Er arbeitete am Text der Pia Società. Es ging um eine Passage, die ihn seit Wochen beschäftigte: die theologische Begründung, warum das gemeinsame Apostolat aller Getauften keine zusätzliche, optionale Frömmigkeit sei, sondern dem innersten Wesen der Kirche entspreche.

Er schrieb:

Die Kirche ist apostolisch nicht nur, weil sie die Tradition der Apostel bewahrt. Sie ist apostolisch, weil sie sendet. Und sie sendet nicht nur durch ihre Hierarchie; sie sendet durch jeden Getauften. Die Sendung der Hierarchie ist ein Dienst an der Sendung aller, nicht ihre Ersetzung. Wer dies vergisst, missversteht das Wesen der Kirche und reduziert sie auf eine Verwaltung des Heiligen. Aber das Heilige verwaltet sich nicht. Es geht hinaus.

Er strich den letzten Satz und schrieb ihn neu:

Aber das Heilige duldet keine Verwaltung. Es verströmt, es schenkt sich.

Besser. Er las den Absatz noch einmal, nickte, legte die Feder hin.

Vor ihm lag noch der Brief des Erzpriesters von Marseille. Er las seine eigene Antwort vom Morgen noch einmal. Er fügte am Ende, in kleinerer Schrift, einen Nachsatz hinzu:

Ich vergaß. Sie fragten nach den Frauen. Lassen Sie mich dies hinzufügen: Ich habe in den letzten zwanzig Jahren mehr von gläubigen Frauen über das Apostolat gelernt als von den meisten meiner geweihten Mitbrüder. Wenn das ein Skandal ist, bin ich bereit, ihn zu tragen. Ich glaube, es ist keiner. Ich glaube, es ist die Kirche, die endlich beginnt, das wahrzunehmen, was sie immer war.

Spätabend, vor dem Tabernakel

Um neun ging er noch einmal in die Kirche. Sie war leer, kalt, das ewige Licht zitterte vor dem Tabernakel. Er kniete in der ersten Bank, nicht auf dem Boden – sein Rücken hatte am Nachmittag genug abbekommen.

Er sprach nicht mehr viel. Er ließ den Tag durch sich hindurchgehen, wie man eine Reihe von Bildern an sich vorbeiziehen lässt: Tognelli, blass und stumm. Conti in seiner Zelle. Lucia mit dem Öl auf der Stirn. Sanna, die ihn musterte, als sei er ihr Sohn. Beppe, die zwei Schalen Suppe. Caterina, die zu den Mädchen aus Kalabrien gehen würde. Cesare, mit seinen Bedenken.

Padre, dachte er, ich weiß nicht, ob ich heute klug war. Ich weiß nicht, ob ich richtig gesprochen habe. Aber Du weißt es. Nimm, was dienlich war. Reinige, was nicht dienlich war. Vergib, wo ich Eile mit Wahrheit verwechselt habe.

Er schwieg.

Lass mich morgen wieder aufstehen. Lass mich nicht müde werden in dem Glauben, dass jeder, dem ich begegne, ein Apostel ist oder einer werden kann oder zumindest ein Mensch, den Du unendlich liebst – und das ist genug, um nicht aufzugeben. Lass mich an Conti am Donnerstag das tun, was ihm hilft. Lass Lucia heute Nacht ohne Schmerzen sein, oder mit so wenig Schmerzen, wie es geht. Lass Caterina die richtigen Worte finden, oder das richtige Schweigen.

Und lass die Kirche – diese arme, oft hoffnungslos in sich selbst verstrickte, oft so wunderbare Kirche – langsam sehen, was sie eigentlich ist.

Er erhob sich, langsam, und ging zur Tür. Bevor er hinaustrat, drehte er sich noch einmal um und machte eine Verbeugung in Richtung des Tabernakels, halb Liebkosung, halb Abschied für die Nacht.

Draußen, auf dem Vorplatz, war es still. Die Glocke von San Giovanni dei Fiorentini schlug zehn, dünn und klar im kalten Januar. Pallotti zog den Kragen hoch und ging die paar Schritte zur Pfarrei hinüber. Morgen würde wieder ein Tag sein. Morgen würde Sanna ihm Suppe schicken. Morgen würde er Donna Margherita sprechen. Übermorgen Conti.

Caritas Christi urget nos.

Es war ein guter Tag gewesen. Nicht weil viel gelungen wäre. Sondern weil er sich nicht ausgewichen war. Mehr, dachte er, kann ein Mensch nicht tun. Und weniger sollte er nicht versuchen.

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